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Das System Konflikt.

Aktualisiert: 23. Aug 2020

Je weiter wir in die Entwicklung des Homo Sapiens blicken, desto schematischer werden die Konflikte, und damit auch ihre Auswirkungen und Folgen. Konflikte wie in Syrien, Irak, Afghanistan oder im Kongo, traumatisieren nicht nur ganze Generationen, sondern wirken nach, denn sie verankern sich in den Systemen. Werden sie nicht durchbrochen, leiden die Betroffenen Menschen oftmals ohne zu verstehen warum.



Wie wahrscheinlich die meisten von Ihnen auch, habe ich noch nie direkte Erfahrung mit Konflikten wie Krieg oder Terror gemacht – und dafür bin ich dankbar. Berührungen mit den Auswirkungen solcher Konflikte hatte ich jedoch bereits zahlreiche. Ob Panzersperren am Flughafen von Entebbe, Metall- und Bombendetektoren im dortigen Hotel, oder als mir die Weiterreise im Osten Kenias nicht mehr möglich war, da die Al-Shabaab Miliz die einzige Verbindungsstrasse unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Diese Erfahrungen haben mich sensibilisiert und nachdenklich gemacht, hatten aber keine direkte Auswirkung auf mein Leben.

Etwas anders liegt der Fall hingegen, wenn es um die Folgen des wohl bisher grössten Konfliktes der Menschheit geht – dem Zweiten Weltkrieg. Dieser Konflikt hatte direkte Auswirkungen auf das System meiner Familie und somit schlussendlich auch auf mich.


Der Krieg im System


"Maikäfer flieg, dein Vater ist im Krieg, Deine Mutter ist in Pommerland, Pommerland ist abgebrannt."


Als ich klein war, habe ich dieses Lied geliebt. Wenn die Zeilen sanft an meinem Kinderbett erklungen, fielen mir umgehend die Augen zu und ich schlief glücklich und zufrieden ein. Dieses mag hauptsächlich der Tatsache geschuldet sein, dass mir das Lied von meiner Grossmutter vorgesungen wurde. Natürlich kannte ich zu diesem Zeitpunkt weder seinen Hintergrund, noch war mir bewusst, inwieweit die mit dem Lied verbundenen Ereignisse meine Familie betrafen.


Ich bin das Kind Vertriebener – ein Kriegsenkel. Meine Eltern und Grosseltern teilten das Schicksal Millionen anderer Menschen und mussten ihre Heimat verlassen, als der Zweite Weltkrieg tobte. Dort, wo sie ihre Wurzeln hatten, konnten sie nicht bleiben und so zogen sie los ins Ungewisse. Die Vergangenheit dürftig in einigen Koffern zusammengepackt, die Zukunft ein finsteres Vakuum.


Meine Grossmutter mütterlicherseits floh mit den Kindern im eisigen Winter nach Westen, ein Kind im Kinderwagen, das zweite an der Hand. Einem glücklichen Umstand verdankten sie es, dass sie auf ihrer Flucht der Bombardierung Dresdens durch die Alliierten knapp entgingen. Mein Grossvater, ein Soldat der Wehrmacht, lief über sechs Monate zu Fuss von der Normandie aus zurück nach Deutschland. Erneut vereint, landete die Familie schliesslich in Bayern. Dort bauten sie sich trotz Anfeindungen, Trauma, zwischenzeitlicher Arbeitslosigkeit und allen weiteren Widrigkeiten eine gewisse Normalität auf. Ein Happy End könnte man meinen, doch dem war leider nicht so: Der Krieg war im System verankert.


Einblicke in das System.


In den Jahren, in denen meine Grosseltern mütterlicherseits noch lebten, unternahm ich immer wieder Versuche, Gespräche zu führen. Während meine Grossmutter grösstenteils bereit war, mir einige Antworten zu geben, hat mein Grossvater dies bis kurz vor seinem Tod immer verweigert. Mein Grossvater war ein ernster, stiller Mann, der sehr hart sein konnte, aber zeitweilig auch eine fast übermenschliche Güte an den Tag legte.


"Du weiss ja gar nicht, wie es gewesen ist ... wie sie da alle im Graben lagen ..."


Das Einzige, was er mir jemals vom Krieg berichtete, in dem er aktiv mitgewirkt hatte. Einige Wochen nachdem er diesen Satz mit soviel Schmerz in der Stimme hervorgepresst hatte, verstarb er. Er wurde 94 Jahren alt. Dieser Satz hat mich seit dem begleitet. Ich habe nicht nur sehr lange gebraucht, um zu verstehen, mit welchen Dämonen mein Grossvater in seinem Innern gekämpft haben muss, sondern auch wie dieser Satz die Dissonanzen im System meiner Familie klar sichtbar machte.


Ich wuchs in einer Umgebung auf, der eine bizarre Mischung aus unterschwelligem Sicherheitsdenken und panischer Angst zugrunde lag. Konflikte gab es bei uns nicht. Man redete einfach nicht über Angst oder Gefühle. Worüber man nicht redet, dass ist nicht da – charakteristisch für die Kriegs- und Nachkriegsgeneration. Traumata des Krieges wurden aus dem individuellen sowie dem kollektiven Bewusstseins eliminiert oder zumindest verdrängen.


Das fast schon pathologische Sicherheitsdenken, der Drang zu Leistung und die Unterdrückung tieferer Emotionen, sind rückblickend – zumindest in meiner Familie – klare Indikatoren für unterschiedlichste traumatische Ereignisse.

Der grösste und entscheidendste Indikator von allen allerdings, ist die Wurzellosigkeit, die gerade für mich ein sehr grosses Thema im Leben ist. Lange bin ich als "Nomade" von Ort zu Ort gezogen und es hat noch länger gebraucht, bis ich einen Ort gefunden habe, an dem ich eine gewisse Art von Verwurzelung empfunden habe.


Die Weg zum Gleichgewicht.


Mir ist bewusst, dass ich nicht allein bin mit diesen Erfahrungen, sondern, dass die Anzahl der Kriegskinder- und Enkel, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, recht gross ist. Tragischerweise nimmt sie auf dieser Welt auch weiterhin täglich zu.


In vielen Familien gibt es diese Dissonanzen im System, doch niemand der Familienmitglieder, versteht genau warum oder wie sie zu durchbrechen sind.

Umso wichtiger ist es, behutsam mit dem Thema und den Betroffenen zu sein.

Es erfordert eine Menge Empathie, das grosse Ganze und dessen Zusammenhänge zu sehen. Für Vorwürfe an die Eltern oder Grosseltern allerdings, ist dort weder Platz, noch ist es zielführend für die eigene Rekonvaleszenz.


Mir ist es durch viel Arbeit gelungen, Verhaltensweisen zu orten, zu verstehen, aber auch einzuordnen und mich so von den Emotionen abzulösen, die diese Verhaltensweisen hervorgerufen haben. Wirklich am Ende damit bin ich aber deshalb noch lange nicht. Doch, so schmerzvoll und unerträglich es manchmal auch sein mag, die bleierne Schwere, die man Stück für Stück abwirft und die Leichtigkeit, die sich einstellt, sind es Wert, den Weg zu diesem Bewusstsein zu beschreiten.


Der Lohn ist die Erkenntnis, dass das eigne Ich etwas ist, das in der Lage ist, sich von diesem System zu lösen, und es dies auch darf und sogar muss.

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