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Die NEU-Falle – warum neu nicht automatisch Innovation bedeutet.

Superlative, Buzzwörter, Phrasen und Methoden-Superhelden suggerieren uns oftmals Innovation, wo keine ist. Innovation ist nüchtern betrachtet keine Zauberei, sondern etwas, das der Mensch von je her besitzt und mit einer einfachen Formel anwendet: Bestehendes verbiegen, zerbrechen oder vermischen.


Gehrin, human centered, Technologie

Eine Idee wird aktiviert.


Manchmal passt es einfach, die Umstände laufen zusammen, und aus einem Gespräch ergibt sich eine Idee. Ich nenne so etwas schlicht: eine günstige Kreativitätsaktivierung.

So eine günstige Kreativitätsaktivierung erlebte ich bei einem Telefongespräch mit Carolin Peynecke – Unternehmerin, Querdenkerin, gelernte Psychologin und systemische Beraterin – die übrigens ebenfalls einen überaus lesenswerten Blog betreibt: Hat das Sinn oder kann das weg? (Think Tank zu einer Gesellschaft der Zukunft).

Nachdem wir uns über viele Dinge wie Gesellschaft, Kreativität und Innovation, ausgetauscht hatten, landeten wir schliesslich bei den Themen Werte, Verwurzelung und Traditionen. Nicht zuletzt, weil wir eine ähnliche Familienhistorie haben. Unsere Familien kommen gebürtig aus Oberschlesien.

Kaum war "der Hörer aufgelegt" – meine Neuronenaktivität war bereits in Hochform – kam der Gedanke zum nachfolgenden Thema.


Die Falle der oberflächlichen Innovation.


Die halbe Welt redet von New Work, New Pay, und möchte am liebsten – gerade jetzt in der Corona Zeit – alles neu organisieren, neu methodisieren, umbauen, bis ins kleinste Ich-Optimieren und das bisherige über Bord werfen. Hinzu kommt die langläufige Meinung, dass man sogenannte Ninjas, Rulebreaker und Rockstars benötige, um überragend innovativ zu sein.


Ja, Methoden, Prozesse und Vorgehensweisen ändern zu wollen, ist oftmals nachvollziehbar und in vielen Fällen auch gut, doch übersehen wir dabei meist etwas Wichtiges: Gewöhnlich schaffen wir Neues aus bereits Bestehendem.

Neu ist also nicht gleich neu und schon gar nicht immer innovativ, sondern oftmals nur eine weitere Marketing-Worthülse, die uns suggerieren möchte: Jetzt endlich werden unsere Probleme wie von Zauberhand oder von einem:er grandiosen Superhelden:in gelöst.


Die Kreativität des Individuums.

Unser Leben und seine Umstände sind weder linear noch beständig, sondern beides verändert sich unentwegt oder passt sich an. Das zeigen bereits 300.000 Jahre der menschlichen Evolution, die trial and error und konstante Veränderung beinhalten.

Innovation entsteht aus Bestehendem in Verbindung mit der Kreativität des Individuums. Sie ist also nichts Übermenschliches oder Geniales, sondern rational betrachtet eine logische Entwicklung aus uns selbst, die sich kontinuierlich fortführt.


Der Mythos, dass ausschliesslich "Auserwählte" wie Künstler oder besonders talentierte/begabte Menschen kreativ sein können, ist schlichtweg falsch. Durch unser Gehirn ist nicht nur Jede:r von uns von Natur aus befähigt kreativ zu sein, sondern auch gleichzeitig in der Lage Innovationen zu entwickeln. Unabhängig davon welche Bildung, welche Umgebung oder Erfahrung er/sie hat.


Unser Gehirn ist in permanenter Wandlung, da es Prozesse überschreibt, neu schreibt und erweitert. Kreativ werden wir, wenn es – bedingt durch einen äusseren Auslöser oder eine Ruhephase – einen Prozess einleitet. (Ein unvoreingenommenes Umfeld kann diesen, wie auch den Auslöser begünstigen, ist aber grundsätzlich keine Voraussetzung, um kreativ zu sein.) Indem wir bereits Bestehendes verbiegen, zerbrechen oder vermischen, lassen wir Neues entstehen. Die Erneuerung (Innovation) ist dann das Resultat unserer Kreativität.

Dr. David Eagleman, ein amerikanischer Neurowissenschaftler, Autor und bekennender Possibilian, beschreibt das so:


“We’re a species with a runaway imagination. As far as we can tell, no other species puts as much effort into exploring imaginary territories as we do. We often think of creativity as reserved for genuises. Eureka moments, lightning-flashes of inspiration. But in actuality, innovation has always been a process of taking what we’ve got, and bending, breaking, and blending it. All new ideas evolve from the old; all creativity is based on prior experience; all new ideas have a history.”*


Unser Kompass.


Mit diesem Wissen können wir nicht nur aufdecken, wo wirklich eine Weiterentwicklung stattgefunden hat, sondern es ermöglicht uns auch, Innovationen unaufgeregt zu entwickeln, die uns Schritt für Schritt weiterbringt, langfristig nutzen und nicht nur ein oberflächlicher Trend sind. Verlassen wir uns auf unseren inneren Kompass, sind wir unvoreingenommen und halten auch einmal aus, dass nicht alle Innovation oder radikale "Verbesserung" sinnvoll oder nötig sind. In manchen Fällen bringt uns nämlich eine kleine Anpassung oder Verbesserung bereits weiter.


Wir lassen Neues entstehen, indem wir bereits Bestehendes verbiegen, zerbrechen oder vermischen. Wenn wir immer nur optimieren und das Alte abwerten/abtun, ohne ab und an auch einen (gesunden) Schritt zurückzutreten, vernichten wir nicht nur Wurzeln, Werte und Traditionen unwiderruflich, sondern damit auch die Grundlage für Innovation. Erkennen wir das an, dann kommen wir auch weg von überoptimierten Scheinprozessen und Methoden und hin zu den Veränderungen und Innovationen, die natürlich entstanden, wirklich wichtig und wertvoll sind und uns am Ende auch einen langfristigen Nutzen bringen – und das ganz ohne Hype, Superlative oder den nächsten NEW-Kult.


*Quelle: The Runaway Species: How Human Creativity Remakes the World, von Dr. David Eagleman ISBN-13:978-0857862068