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Human Experience – Die (Wieder)Entdeckung der Einfachheit.

Aktualisiert: 14. Juni 2020

Der moderne Mensch lebt gerne in Komplexität. Genau diese wahrgenommene Komplexität fördert auch seine Konflikte. Treten wir jedoch die Reise zu unseren Ursprüngen an, entdecken wir mit grosser Wahrscheinlichkeit eine Einfachheit, die uns ein zukünftiges, konfliktfreieres Leben auf unserem Planeten ermöglicht.



Die Quelle der Einfachheit.


Im Norden der Kalahari Wüste (im North West District) von Botswana, liegt eine mächtige Hügelkette, die Tsodillo Hills. Zwischen den massiven Felsen aus Quarzit finden sich etwa 4500 filigrane Felsmalereien, die zwischen der Steinzeit und dem 19. Jahrhundert entstanden sind. Das Louvre der Wüste – wie die Felsenkette auch genannt wird – beherbergt die eindrücklichen, über 100 000 Jahre alten Zeugnisse menschlicher Lebensweisen und wie diese Menschen mit ihrer Umwelt interagierten. Die Tsodillo Hills gelten bis heute als Kultstätte und Heimat der Ahnengeister der San und Hambukushu Völker, die diesen Ort nach wie vor als heilige Kulturlandschaft verehren.*


Es ist unter anderem die überragende Klarheit, die die Zeichnungen dieser Völker so einzigartig macht. Sie zeigen, dass der Mensch bereits in frühster Zeit Kommunikation nicht nur einfach gehalten, sondern auch einfach aber Ausdrucksstark gestaltet hat. Die San und Hambukushu reduzierten ihre Kommunikation mit ihren Malereien auf das Wesentliche.


Wagt man nun den Vergleich zwischen den Wandmalereien der Tsodillo Hills und unserem Leben heute, fällt einem als Erstes auf, dass sich vor allen Dingen vieles in unserer Wahrnehmung verändert hat. Wir nehmen unser Leben als komplex wahr.


Die Komplexität der modernen Welt – der Versuch einer Analyse.


Stellen Sie sich Folgendes vor: Sie befinden sich in der Dunkelheit des Weltraums und kreisen, um unseren Planeten, jedoch ohne Kenntnisse über ihn zu haben.

Blicken Sie nun auf die Erde herab, vermuten Sie wohl einen friedlich Riesen, der sich ohne Hast im Raum der Zeit verändert und somit auch das auf ihm existierende Leben. Ihnen als Betrachter bleibt der Blick in das Innere des "Ameisenhaufens" verborgen. Denn aus Ihrer Position nehmen Sie mit höchster Wahrscheinlichkeit lediglich den einzigartigen und friedlichen Moment wahr, wenn die Sonne hinter der Erde auftaucht und beginnt deren Oberfläche zu beleuchten.


Die unendlichen Möglichkeiten, die wir geschaffen haben, der kontinuierliche Informationsfluss, von dem wir heute umgeben sind, der uns antreibt und bewirkt, dass wir jede Minute unseres Lebens alarmiert sind, würden Sie nicht sehen.

Auch nicht, wie fest uns der Fortschritt, den wir unentwegt forcieren, im Griff hat. Ebenso würde Ihnen unsere Getriebenheit verborgen bleiben, die wir als enorme Geschwindigkeit wahrnehmen und die in der Realität, das Überangebot an Möglichkeiten und Leistungen vereint und damit ein Produkt unserer verzerrten Wahrnehmung ist.


Würden Sie jedoch umgekehrt all dies von Ihrem Platz im Weltraum wahrnehmen, kämen Sie zu der Erkenntnis, das die menschliche Spezies unglaublich zerrissen ist. Sie würden unseren täglichen Kampf mit Systemen beobachten, die wir uns selbst auferlegt haben, ohne jemals unsere Bedürfnisse und Verbindungen langfristig hinterfragt zu haben.

Höchstwahrscheinlich überkäme Sie Mitleid, denn die Erkenntnis, dass uns die Einfachheit des Seins abhandengekommen ist, dass wir sie gar nicht mehr wahrnehmen, träfe Sie mitten ins Herz. Aber wie sollten wir sie auch wahrnehmen bei all dem Lärm?

Ich möchte behaupten, dass uns spätestens seit der Industrialisierung die Fähigkeit innezuhalten ganz abhandengekommen ist. Wahrscheinlicher ist aber, dass es schon zu einem früheren Zeitpunkt geschehen ist. Wir richten unsere Aufmerksamkeit nach der Vielzahl der Nebengeräusche, mit denen wir uns täglich umgeben – und genau das ist, was wir als Komplexität wahrnehmen. Diese “erschaffene“ Komplexität raubt uns bereits die Fähigkeit, einen Gedanken zu fassen, um eine einfache Lösung für etwas zu finden. Wir versuchen es gar nicht mehr, sondern hangeln uns von einer neuen Möglichkeit zur anderen, ohne eigentlich zu erkennen, welche substanziellen Bedürfnisse wir in Wirklichkeit haben.


Nehmen wir als Beispiel die derzeitige Pandemie: Sie hat überaus deutlich gezeigt, dass selbst im Verlauf eines lebensbedrohlichen Ereignisses – über das wir keine Kontrolle haben – die Mechanismen unserer Konditionierung greifen, sind sie doch in unseren neuronalen Netzwerken bereits seit unserer Kindheit eingebrannt. Hinzukommt, dass Zeit etwas ist, was der moderne Mensch offensichtlich nicht zu haben scheint.


Die Krone der Schöpfung, die lieber erobert, als einmal mehr nach innen gerichtet zu verharren und zu entscheiden, was der klügere, einfachere nächste Schritt ist und warum und wie man ihn gehen sollte, reagiert reaktionär. Mit dem Label Komplexität blenden wir zudem sämtliche anderen Blickwinkel, Möglichkeiten und Realitäten direkt aus.


"Wenn die Welt gerettet wird, wird sie nicht von alten Köpfen mit neuen Programmen gerettet, sondern von neuen Köpfen ohne Programme."**


Der amerikanische Schriftsteller Daniel Quinn teil diesen Gedanken in seinem Buch Ismael. Betrachten wir das moderne menschliche System durch seine Brille, wird deutlich: Die Pandemie als Folge und Auswirkung des Klimawandels – der nächste existenzielle laute Warnschuss – wird von uns auch dieses Mal wieder gekonnt ignoriert.

Mit unserem Willen und Drang schnell zur "Normalität" zurückzukehren, stolpern wir in die Annahme zurück: Es ginge ja nur so wie bisher.

Doch ist das wirklich unser Weg in die Zukunft? Unser Weg hinaus aus der Komplexität?


Human Experience.

Lassen Sie uns wieder zurück an den Anfang dieses Artikels gehen.

Die Lebensweise und Erfahrungen von Urvölkern wie den San oder den Hambukushu sind geprägt, von dem Gedanken der Koexistenz mit diesem Planeten.

In ihrem Kosmos gab es also weder den Bedarf, noch die Notwendigkeit sich gegen das zu stellen, was sie nährt, oder umgibt.


Ich bin kein Prophet, doch wenn wir die Einfachheit in unserer Kommunikation und Lebensweise zum Wohl unserer Existenz und der unseres Planeten wieder entdecken wollen, müssen wir uns aller Wahrscheinlichkeit nach erst einmal von den indoktrinierten Schlachtrufen der Religionen trennen.

Das heisst konkret, dass wir weder unseren Planeten unterwerfen, noch die Krone der Schöpfung repräsentieren müssen.


Ein weiterer Schritt dorthin wäre, zu akzeptieren, dass nicht alles, was wir annehmen, gewertet werden muss und nicht alles auf der Realität basiert, wie wir sie definieren.

Ich persönlich schöpfe aus meiner Erfahrung im Bereich User Experience, die ich seit einiger Zeit nur noch als Human Experience bezeichne. Beinhaltet sie doch mehr, als nur das blosse Erlebnis eines anonymen Nutzers oder das uneingeschränkte Ziel, es einer Gruppe oder einer Person einfacher zu machen.

HX ist in erster Linie wertfrei und lehrt, dass es essenziell ist immer wieder einen Schritt zurückzutreten, verschiedene Perspektiven einzunehmen und auch zu akzeptieren, dass die eigene Meinung nicht ausschlaggebend ist. Unsere Erfahrungen sind mehr als Empfindungen und Meinungen, unsere eigenen Bedürfnisse weniger wichtig als das Gesamtwohl oder eine Wertschöpfungskette, von der alle profitieren.

Vielleicht aber benötigen wir auch einen etwas drastischeren Gedanken. Nämlich den, dass wenn man es genau nimmt, unsere wahrgenommene Komplexität wie auch wir eigentlich bedeutungslos sind – vergleichbar mit einem Wimpernschlag in der Unendlichkeit der Zeit.


*Quelle: https://whc.unesco.org/en/list/1021/

**Quelle: Ismael, von Daniel Quinn ISBN-13:978-3442423767

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