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Vom Wunder des Seins.

Der Mensch ist, bereits bevor er seinen ersten Atemzug auf diesem Planeten macht. Unser Sein ist ein Wunder. Doch kehren wir meist nur zu seinem Ursprung zurück, wann immer es eine Erschütterung in der kurzen Existenzphase der Menschheit gibt.

Das derzeitige Durchleben der Pandemie ist solch eine Phase und ist eine Möglichkeit, um zum Ursprung unseres Seins zurückzukehren.



Ich verlasse unser Apartmenthaus. Eilig gehe ich den im Schatten liegenden, gepflasterten Weg in Richtung der angrenzenden Strasse entlang. Die Februarsonne leuchtet mir milde ins Gesicht, als mir der Paketbote entgegenkommt. Er trägt wie auch ich eine FFP2-Maske. Wir grüssen einander freundlich und wünschen uns einen schönen Tag. Dann gehen wir wieder unseres Weges.

Wäre ich bei einem reisserischen Medienunternehmen beschäftigt, würde ich jetzt sicher mit einer unsinnigen Formulierung wie "das neue Normal" oder Ähnlichem fortfahren. Da dies jedoch nicht der Fall ist, nenne ich es, wie es ist: die Realität.


Diese Realität hat mich in der letzten Zeit – wie sicher die meisten von uns auch – nachdenken lassen. Ich habe sie genommen, in meinem Gehirn seziert, herumgedreht, von allen Seiten betrachtet und wirken lassen. Meine Schlussfolgerung ist: Wir sind – vielleicht mehr als wir vorher waren.


Das Wunder des Seins.


Wer in seinem Leben die Entwicklung eines entstehenden Lebens erlebt hat, der weiss, welch ein unbeschreibliches und fast unfassbares Wunder hier geschieht. Der kleine Mensch, der aus der Verschmelzung zweier Elemente des inneren Mikrokosmos entsteht und bereits ab Sekunde null ist.


Das Neuralrohr, an dessen vorderen Ende sich die Hirnbläschen bilden, entsteht bereits am 18. Lebenstag des Embryos. Nach sechs Wochen entwickeln sich bei dem zukünftigen Menschen die Anlagen zu Hirnstrukturen. Das spätere Ich macht bereits erste Erfahrungen im Mutterleib und reagiert auf innere wie äussere Impulse. Das Gehirn eines Neugeborenen besitzt bereits die gleiche Anzahl Nervenzellen wie ein Erwachsener. Im zweiten Lebensjahr doppelt so viele. Pro Sekunde werden bis zu zwei Millionen neue Synapsen gebildet. Während dieser Zeit entsteht eine Optimierung- und Selektionsprozess, der jedoch nur stattfinden kann, wenn es dem Kind ermöglicht wird, seine Umwelt zu erkunden.*


In dieser Phase sind wir weder von Konditionierungen oder Mustern geformt, noch sind wir von äusseren Limitierungen, Meinungen und Wahrnehmungen verzehrt. Vielleicht der einzig jemals freie Moment unseres Geistes. Das reine Sein.


Die Wiederentdeckung des Seins.


Ein kleiner Funke davon existiert gerade auch jetzt. Die derzeitige Pandemie macht es möglich, dass alle unsere ablenkenden Vorder- und Hintergrundgeräusche verstummen. D. h. Wir müssen uns zwangsläufig mit uns selbst auseinandersetzen, – ob wir wollen oder nicht. Der Blick nach innen lässt sich nicht mehr umgehen. Wir sehen all unsere Ängste, Unzulänglichkeiten und Defiziten. Ungeschliffen, ungefiltert mit all dem, was wir uns täglich bemühen zu überlagern oder zu übertünchen. Wir müssen uns selbst aushalten.


Die Bereiche expandieren, in denen wir plötzlich mehr Verantwortung übernehmen müssen, anstatt diese wie zuvor "einfach" abgeben zu können. Wir müssen strategischer denken, auf uns lastet mehr Druck, gute Entscheidungen zu treffen und … STOP!


Was ich gerade beschrieb, sind einige Auswirkungen der momentanen Situation auf uns, aber nicht die endlosen Möglichkeiten, die sich aus dem festen Griff der täglichen Nichtigkeiten gelöst haben. Diese schweben nun sanft vor unseren verblendeten Augen, offenbart durch eine Weltkrise, die alles Bisherige – die Konditionierungen, Muster, Meinungen und künstlichen Realitäten, die wir uns selbst auferlegt haben, die wir über Jahrtausende als wahr genommen und gepflegt haben, auf Anfang setzen könnte.


Wir sind – ja, wir müssen sein. Wir haben die Möglichkeiten erhalten, Schutz in uns selbst, im Urgeist der Idee Mensch zu finden und könnten ohne viel Aufwand eine Wahrheit erzeugen, die uns unserem Planeten und somit unserer weiteren Existenz eine Tür öffnet, bevor die Spezies Mensch mit einem lauten Knall an der Wand der Realität zerschellt.


Anstatt weiterhin von der Vergangenheit zu träumen, die nur noch in unseren Erinnerungen existiert, sollten wir unseren Blick nach vorne richten. Wir sind. Doch sind wir weder unsterblich, noch sind wir erhaben. Wir könnten jedoch genau die derzeitige Situation zum Anlass nehmen, um demütig den Aufstieg zum Gipfel des Menschseins beginnen – die nächste Stufe der Evolution.


Quellen:

https://www.dasgehirn.info/

The Brain: Die Geschichte von dir, von Dr. David Eagleman ISBN - 978-3-570-55288-9

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